Ein Kind in unserer Strasse
Sie führen ein Leben in ständiger Gefahr. Selbst untereinander, im Alltag ihrer Strassenbande, sind sie nicht sicher. Man nennt sie Straßenkinder - Mädchen und Jungen, zwischen vier und achtzehn Jahre alt. Sie haben weder Vater noch Mutter. Sie haben keinerlei formale Schulbildung, oder nur so wenig, dass es faktisch keinen Unterschied macht. Sie können nicht lesen und schreiben, aber sie können sehr wohl ihre Sorgen zählen. Das haben sie in der einzigen Schule gelernt, die sie kennen: die Schule, wo man Schläge einzustecken lernt, dort wo sie leben, auf der Strasse. Etwa hundert Millionen Kinder weltweit leben und arbeiten auf den Strassen unserer Städte. Sozialarbeiter versuchen, zu unterscheiden - einerseits diejenigen Kinder, die tagsüber auf der Strasse ihr Brot verdienen und nachts in einem Ort unterkommen, den sie ihr Zuhause nennen; und dann andere Kinder, die ihre Familie schon seit langem verloren oder verlassen haben, und deren einziges Zuhause die Strasse selbst ist. Die Strategien der Wiedereingliederung oder der Familien-Zusammenführung mögen für diese Kinder unterschiedlich sein; doch die Abgrenzungen sind fliessend, und das tägliche Elend, die tägliche Plackerei sind diesselben. Wo es noch Familien gibt, sind sie bettelarm, so arm, dass die Kinder beim Morgengrauen raus auf die Strasse müssen, um dort ein paar Pfennige zu verdienen, während ihre Altersgenossen noch im Bett sind oder zur Schule gehen. Diese Kinder bekommen ihre Eltern oder Geschwister nur dann zu Gesicht, wenn sie ihren mageren Verdienst nachts nachhause bringen. Und es kann gut sein, dass ihr Familienleben von Gewalt, Alkoholismus, und sexuellem Missbrauch geprägt ist.
Straßenkinder sind weder alt genug zu arbeiten, noch haben sie irgendwelche formale Qualifikationen. Und dennoch arbeiten sie tagaus tagein, in Berufen, die man in keinem Verzeichnis findet. Während der Schulstunden putzen sie Schuhe, passen auf Autos auf oder bieten sich an, sie zu waschen, wechseln Geld, schleppen Pakete, schieben Handwagen, oder sammeln Müll. Viele rutschen ab in ein Leben, das von Kriminalität und Drogen bestimmt ist. Durch ihre prekären Lebensumstände werden sie nur allzu leicht Opfer von Krankheiten und Infektionen, darunter auch AIDS. Um ihren quälenden Hunger zu betäuben, schnüffeln sie Klebstoff. Wenn sie "high" sind, erscheint ihnen das Leben auf der Strasse für einen Moment erträglich. Dann fühlen sie sich mutig genug, zu klauen oder sogar zu rauben. Sie sind überall unerwünscht. Und häufig gehen sie dabei drauf.
Für Straßenkinder ist Bildung der einzige Ausweg aus einem Leben voller Elend, Gefahr und Unwissen.
Die Arbeit von Strassenpädagogen erfordert Geduld und praktisches Talent. Wochen können vergehen, bevor ein Strassenkind es akzeptiert, den Fuss in eines der "drop-in centres" zu setzen, wo es ein Dach über dem Kopf, etwas zu essen, und Gesundheitsfürsorge gibt - und sei es nur für ein paar Stunden. Ein Strassenkind einfach so in die Schule zu schicken, ohne begleitende ausserschulische Massnahmen, würde nie ausreichen. Denn die schweren psychologischen Schäden, welche die Erwachsenenwelt diesen Kindern zugefügt hat, erfordern ein vollständiges pädagogisches Projekt, das die kindliche Persönlichkeit wieder aufrichtet, die seelischen Wunden heilt, und dem Leben der Kinder eine neue Richtung gibt.